MEHRGENERATIONEN WOHNEN // REUTLINGEN

Schwäbisches Glanzstück. Die Sprache der Moderne hat es zugegebenermaßen nicht besonders leicht gehabt im deutschen Wohnungsbau der vergangenen Jahrzehnte. Zu eng schienen oft die Spielregeln zwischen Spitzdach und Klinkerfassade, als dass wirklicher Gestaltungs- wille unter den Häuslebauern aufzukommen schien. Dass nun ausgerechnet im beschaulichen Reutlingen ein Wohnhaus entstand, das mit seiner modernen, eleganten Erscheinung und einem intelligenten Ener- giekonzept neue Wege einschlägt, überrascht dabei umso mehr. Es ist schon ein wenig sonderbar, dieses Gebäude NICHT inmitten einer mediterranen Landschaft mit Blick auf das Meer oder den Comer See zu verorten sondern in Reutlingen, einer mittelgroßen Stadt mit 112.000 Einwohnern im tiefsten Schwabenland. Irgendwie scheint der souveräne, weltgewandte Charme dieses Hauses nicht in die gängigen Klischees zu passen, die einem als gestandenen Berliner in den Sinn fallen, wenn man an südwestdeutsche Eigenheimromantik denken muss. Die Aufgabe für den jungen Stuttgarter Architekten Dirk Henning Braun (1971) und dessen Büro lag darin, auf einer Grundfläche von 22 x 50 Metern ein Mehrgenerationenhaus zu planen, das über ein flexibles und anpassungsfähiges Wohnkonzept für sieben oder mehr Bewohner kon- zipiert ist. Gelegen an exponierter Stelle mit Blick auf die Schwäbische Alb sowie den Reutlinger Hausberg ist das Grundstück in südost-nordwester Richtung ausgerichtet.

Der Grundriss des Gebäudes sieht einen zentralen Kern vor, der sich wie ein Band durch die Mitte des Hauses hindurchzieht. Als schmale durchlässige Zone nimmt er auf beinahe unsichtbare Weise einläufige Treppen zur Erschließung von Erd-, Ober- und Untergeschoss sowie mehrere Toiletten auf. Beidseitig dieses zentralen Kerns sind die einzelnen Wohnräume angeordnet. Trotz dieser klaren Trennung, die sich vom Äußeren des Gebäudes nicht ablesen lässt, können sowohl im Erdgeschoss wie Obergeschoss Räume auf derselben Etage jederzeit miteinander verbunden werden. Hintergrund ist die Möglichkeit, eines Tages vielleicht doch den Wohnraum einer Familiengeneration auf einer zusammenhängenden horizontalen Fläche zusammenzufassen, falls die Gesundheit der Bewohner kein Treppensteigen mehr erlauben sollte. Im Untergeschoss ist eine gemeinsame Tiefgarage untergebracht, die für mindestens vier Fahrzeuge aus gelegt ist, sowie Räume für eine Büronutzung. Zur Hangseite öffnet sich das Untergeschoss nach außen und geht in eine großzügige Terrasse mit einem offenen Swimmingpool über. Der darüber liegende Baukörper aus Erdgeschoss und Obergeschoss schiebt sich leicht über die Terrasse heraus und erhält dadurch trotz seines beachtlichen Volumens einen schwebenden Charakter. Die beiden seitlichen Fassaden bilden zusammen mit Dach und Balkon einen umlaufenden Ring, der wie ein übergroßer Bilderrahmen das Gebäude umschließt. Der zentrale Kern ist hier deutlich inmitten der gläsernen Fassade abzulesen und wird an dieser Stelle auch weit von Tageslicht durchflutet.